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Sagt wer?

vor 17 Stunden
6 Min. Lesezeit

Es gibt kaum etwas, das mir inzwischen mehr auf den Sender geht. Ich stolpere persönlich und in der Arbeit mit Klienten immer wieder über diese Formulierungen und denke jedes Mal:


Wow… mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen plötzlich zu Erkenntnisbehörden über andere Menschen werden.


„JETZT habe ich erkannt, wer du WIRKLICH bist.“


Ach, tatsächlich?

Dieser Satz begegnet mir seit Jahren.

Nach Trennungen.

Nach Freundschaftsabbrüchen.

Nach Konflikten.

In Familien.

In Teams.

In Gruppen.

Und inzwischen zucke ich bei ihm fast körperlich zusammen. Nicht, weil Menschen ihre Einschätzung eines anderen nicht verändern dürfen.

Natürlich (!) dürfen sie das.


Sondern wegen dieser unfassbaren Gewissheit, die in diesem Satz steckt:

„Jetzt weiß ich, wer du wirklich bist!“


Nicht: „Ich sehe dich heute anders.“

Nicht: „Ich habe etwas erlebt, das mein bisheriges Bild von dir verändert.“

Nicht: „Ich interpretiere bestimmte Verhaltensweisen inzwischen anders.“

Nein.

Ich habe dich ERKANNT!

Als hätte irgendwo hinter der bisherigen Person ewig lang die eigentliche Version gestanden und Sherlock Holmes habe nun endlich den Vorhang weggezogen.

Fall gelöst.

Person entschlüsselt.

Akte geschlossen.


Besonders beeindruckt mich dabei immer die Geschwindigkeit dieser nachträglichen Erkenntnis.

Man kann einen Menschen kennen, erlebt haben, mit ihm lachen, arbeiten, leben, schlafen, Weihnachten feiern und Krisen überstehen.

Dann gibt es einen Konflikt.

Und zack:

„Jetzt weiß ich, wer du wirklich bist.“

Fantastisch.

20 Jahre empirisches Material offenbar wertlos. Aber zwei beschissene Wochen im Streit - und jetzt haben wir endlich eine valide Datenlage!

Man müsste eigentlich ganze psychologische Fakultäten schließen. Denn offenbar reicht inzwischen ein enttäuschendes Beziehungsende für eine vollständige Persönlichkeitsdiagnostik.


Und besonders beeindruckend wird es, wenn anschließend dann natürlich noch die ominösen Dritten aufmarschieren.


„Andere haben das übrigens auch erkannt.“

„Viele sehen das inzwischen genauso.“

„X hat das auch gesagt.“

„Y hat jetzt ebenfalls verstanden, wie du wirklich bist.“

Ah. Na dann.

Wenn X und Y es auch sagen, muss aus einer Interpretation selbstverständlich Wirklichkeit geworden sein.


Und dieses „X hat das auch gesagt“ fasziniert mich ohnehin.

Seit wann ist X denn eine erkenntnistheoretische Instanz?

Hat X einen Zugang zur Wahrheit, von dem ich nichts weiß?

Gibt es irgendwo ein Zertifikat?

„Amtlich geprüfter Menschenerkenner, Schwerpunkt: wahres Wesen Dritter“?


Denn wenn die Beweisführung lautet:

„Ich sehe das so - und X auch“, dann haben wir keine objektive Wahrheit.

Wir haben zwei Menschen mit derselben Meinung! Punkt!

Das ist gesellschaftlich völlig normal.

Aber bitte nennen wir es doch nicht Erkenntnis!


Und dann kommen sie plötzlich alle!

„Die Leute“.

Ich liebe „die Leute“.

Niemand weiß genau, wer sie eigentlich sind, aber sie sind erstaunlich gut informiert.

„Die Leute sehen das inzwischen auch.“

Welche denn?

Die Bevölkerung von Nordrhein Westfalen?

Die Belegschaft von IKEA Köln?

Oder sind es am Ende drei Menschen, denen seit vier Wochen dieselbe Story über dich erzählt wird?

Noch schöner ist:

„X hat das übrigens unabhängig von mir genauso erkannt.“

Unabhängig.

Natürlich.

Nachdem X deine Version der Geschichte achtmal gehört, 47 Screenshots bekommen und drei Abende mit dir darüber gesprochen hat.

Praktisch eine Doppelblindstudie.


Hut ab!


Genau an dieser Stelle wird es systemisch hochinteressant. Denn Menschen lieben (!) soziale Bestätigung für ihre Wirklichkeitskonstruktionen.

Sie suchen Resonanz.

Sie erzählen ihre Geschichte.

Sie bekommen Zustimmung.

Und plötzlich wird aus: „So erlebe ich diesen Menschen“ ein: „So IST dieser Mensch.“

Und aus drei Menschen mit einer ähnlichen Erzählung wird dann liebend gerne: „Die Leute haben dich erkannt.“


Welche Leute denn eigentlich?

Ich frage es bewusst noch einmal: welche Leute denn!??

Und seit wann ist die Anzahl der Menschen, die eine Interpretation teilen, ein Wahrheitskriterium?

Drei Menschen können dieselbe Geschichte über jemanden erzählen.

Zehn auch. Hundert ebenfalls.

Das beweist zunächst nur eines:

Hundert Menschen teilen eine Geschichte!

Mehr noch nicht!

Systeme produzieren nämlich nicht nur Beziehungen. Sie produzieren auch Erzählungen über Beziehungen.

Und diese Erzählungen stabilisieren sich gegenseitig.

A erzählt B, was mit C passiert ist.

B bestätigt A.

B erzählt D davon.

D erinnert sich plötzlich an eine Situation mit C, die jetzt ebenfalls „ins Bild passt“.

A hört davon und erlebt seine ursprüngliche Einschätzung nun als noch stärker bestätigt.

Und irgendwann steht da eine erstaunlich stabile soziale Wirklichkeit:

„Wir wissen inzwischen alle, wie C wirklich ist.“


Systemisch betrachtet ist das faszinierend.

Denn während alle glauben, immer mehr über C „herausgefunden zu haben“, beobachten sie kaum noch, was sie selbst gerade miteinander erzeugen.

Eine Wirklichkeit.

Eine Allianz.

Eine Erzählung.

Eine Zugehörigkeit.

Vielleicht sogar ein Lager.

Und irgendwann wird es so richtig schön:

Dann werden Menschen plötzlich gezählt.

„Inzwischen sehen das schon fünf Leute so.“

Fünf!

Na dann.

Bei sechs wird vermutlich das Bundesverfassungsgericht informiert.

Ich finde diese Zählerei deshalb so großartig, weil sie so wunderbar offenlegt, worum es offenbar inzwischen geht: Nicht mehr darum, einen Menschen oder einen Konflikt zu verstehen.

Sondern darum, Mehrheitsverhältnisse herzustellen.

Als würde Wahrheit demokratisch abgestimmt.

Wer mehr Leute auf seiner Seite hat, hat recht.

Grundschule, mit WLAN. Sorry.


Und genau deshalb interessiert mich bei solchen Sätzen inzwischen fast mehr:

Was passiert gerade zwischen den Menschen, die sich gegenseitig darin bestätigen, einen Dritten „erkannt“ zu haben?

Welche Funktion erfüllt diese gemeinsame Gewissheit?

Was ermöglicht sie?

Welche Zugehörigkeit erzeugt sie?

Und was müsste denn möglicherweise offenbleiben, wenn niemand sagen dürfte:

„Jetzt wissen wir, wie der wirklich ist“?


Denn Gewissheit ist sozial unglaublich praktisch.

Sie beendet Ambivalenz.

Sie erspart Fragen.

Und sie schafft Zugehörigkeit.

Wir haben ihn erkannt.

Wir hier.

Der dort.

Und schon ist eine komplexe Beziehungsgeschichte wunderbar sortiert.

Nur hat das mit systemischem Denken herzlich wenig zu tun. Denn systemisch müsste ich an genau dieser Stelle etwas tun, das erheblich unbequemer ist: mich (!) selbst (!) wieder mit ins Bild nehmen.


Und mein persönlicher Favorit bleibt:

„Der Mensch hat sich jetzt gezeigt.“

Denn dieser Satz wird erstaunlicherweise ausschließlich über den anderen gesagt.

Noch nie habe ich jemanden nach einem eskalierten Konflikt sagen hören:

„Meine Güte, was für ein Glück. In diesen vier Wochen habe ich endlich erkannt, wer ICH wirklich bin.“


Nein.


Erkannt wird zuverlässig der andere.

Der andere hat sich entlarvt.

Der andere hat sein wahres Gesicht gezeigt.

Der andere ist durchschaut.

Man selbst stand währenddessen offenbar vollkommen transparent, reflektiert und beziehungsneutral daneben und hat lediglich wissenschaftliche Feldbeobachtung betrieben.

Was für ein bemerkenswerter Zufall.

Wenn ich schon sage:

„Du hast dich jetzt endlich gezeigt“, dann interessiert mich mindestens genauso:


Und wie habe ICH mich gezeigt?

Was habe ICH getan?

Was habe ICH beigetragen?

Welche Erwartungen hatte ICH?

Welche Grenzen habe ICH gesetzt oder nicht gesetzt?

Welche Bedeutungen habe ICH erzeugt?

Was habe ICH erzählt?

Wem habe ICH es erzählt?

Welche Resonanz habe ICH gesucht?

Und wie hat meine eigene Bewegung wiederum die Bewegung des anderen beeinflusst?


Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jedes Verhalten plötzlich relativiert werden muss.

Menschen lügen.

Menschen verletzen.

Menschen betrügen.

Menschen überschreiten Grenzen.

Menschen können sich miserabel verhalten.

Systemisches Denken bedeutet nicht:

„Wir haben alle irgendwie unseren Anteil, also ist niemand verantwortlich.“

Das wäre nicht systemisch.

Das wäre intellektuell bequem.


Verantwortung bleibt Verantwortung.


Aber Verhalten zu beurteilen ist etwas fundamental anderes, als aus Verhalten eine endgültige Wesensaussage über einen Menschen abzuleiten.


„Du hast gelogen“ beschreibt ein Verhalten.

„Jetzt weiß ich endlich, wer du wirklich bist“ beansprucht Erkenntnishoheit über einen Menschen.


Zwischen diesen beiden Sätzen liegt eine ganze Erkenntnistheorie.

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema deshalb schon so lange. Weil wir permanent Beobachtung und Wahrheit verwechseln.

Wir beobachten Verhalten.

Wir geben ihm Bedeutung.

Wir erzählen eine Geschichte darüber.

Andere bestätigen diese Geschichte.

Und irgendwann vergessen wir den wichtigsten Schritt:


Dass es eine Geschichte (!) ist.


Eine möglicherweise sehr gut begründete.

Eine möglicherweise zutreffende.

Eine möglicherweise durch viele Beobachtungen gestützte.

Aber immer noch eine menschliche Lesart!!

Keine Röntgenaufnahme eines „wahren Wesens“.

Und deshalb trage ich seit mehr als einem Jahr zwei Worte in meinem Herzen:


SAGT WER?


Für mich sind diese zwei Worte keine flapsige Provokation.

Sie sind eine erkenntnistheoretische Notbremse!!


„Der ist so.“

Sagt wer?

„Jetzt weiß ich, wer sie wirklich ist.“

Sagt wer?

„Alle haben es inzwischen erkannt.“

Sagt wer?

Und vor allem: Auf Grundlage welcher Beobachtung, welcher Perspektive, welcher Beziehung und welcher Geschichte?


Mich interessiert längst nicht mehr sonderlich, wer irgendwo meint, mich, dich oder irgendeinen anderen Menschen „erkannt“ zu haben.

Mich interessiert viel mehr, was ein Mensch über sich selbst zeigt, während er erklärt, einen anderen endgültig durchschaut zu haben.

Denn vielleicht ist das die wesentlich spannendere Information.

Und wenn mir jemand erzählt:

„Jetzt haben endlich alle erkannt, wer du wirklich bist.“

denke ich inzwischen nur noch: Nein!

Ihr habt euch auf eine Geschichte geeinigt.

Thats it!! Nicht mehr! Nicht weniger!!

Und ja, vielleicht sollten wir überhaupt kleine Urkunden ausstellen.


HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Sie haben einen Menschen vollständig erkannt.

Nach nur einem Konflikt, zwei WhatsApp-Verläufen, drei Gesprächen mit Gleichgesinnten und einer Trennung verfügen Sie nun über abschließende Kenntnis seines wahren Wesens.

Weitere Perspektiven sind nicht erforderlich.

Selbstreflexion ebenfalls nicht.

Ihr Ergebnis wurde bereits von X und Y bestätigt.

Damit ist die Sache wissenschaftlich praktisch durch.

Und genau an diesem Punkt schnellen dann nur noch die beiden Wort hoch:


SAGT WER?


Und ja. Nun kommen wir zum Schluss noch zu Mutti. Denn Mutti ist der Endgegner der Beweisführung.

Und bitte, bitte - wenn jetzt also tatsächlich auch noch Mutti ins Boot geholt wird.

„Meine Mutter sieht das übrigens genauso.“

Liebe Leute.

Meine eigene Mutter hätte im Zweifel selbstverständlich IMMER auch erst einmal mich für großartig und den anderen für einen Vollpfosten erklärt.

Sie war meine Mutter!!

Sie war aber eben keine unabhängige Gutachterstelle. 😂


Und genau deshalb wird aus einer Behauptung auch dann keine Wahrheit, wenn Mutter, Schwester, beste Freundin, Nachbarin, Ex-Kollegin, Ex-Freundin und drei Menschen aus einer WhatsApp-Gruppe dich inzwischen „genauso sehen“.


Das ist keine Beweisführung.

Das ist ein soziales Bezugssystem mit Meinung.

Und wenn mir jemand ernsthaft sagt:

„Sogar meine Mutter sieht das so.“

dann denke ich nicht:

Oh. Na dann muss es ja stimmen.


Ich denke:

Herzlichen Glückwunsch.

Du hast deine Mutter informiert.


Mehr ist erkenntnistheoretisch zunächst nicht passiert.

Und damit wäre ich dann urplötzlich wieder bei den zwei Worten…


 
 
 

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